47°24’35’’N / 9°44’20’’E – Koordinaten, die einen realen Ort markieren und zugleich wie eine verschlüsselte Botschaft wirken. Wer ihnen folgt, erreicht den Kunstraum Dornbirn. Doch was sich hier eröffnet, ist kein eindeutig kartografierbarer Raum, sondern ein Schwellenzustand. Davide Allieri macht die historische Industriehalle zum Ausgangspunkt eines enigmatischen Environments: Im fahlen Dunst einer unwirtlichen Landschaft erscheint ein leuchtendes Portal in Form einer großen kreisrunden Skulptur – ein möglicher Durchgang, ein technologisches Relikt oder ein metaphysisches Zeichen. In der Nähe erhebt sich eine rund vier Meter lange Figur, die an eine Drohne oder einen Mech erinnert. Zahllose Kabel durchziehen den Raum, spannen sich über Boden und Architektur und bilden ein Netz technischer Infrastrukturen, deren Funktion unklar bleibt. Lose Enden verweisen auf Energie und Verbindung, doch nichts scheint mehr aktiviert. Vom Portal ausgehend legt sich ein durchdringender Sound wie eine unsichtbare Schicht über die Szenerie. Klang, Licht und Dunkelheit verdichten das Gefühl eines permanenten Dazwischen – eines Zustands, in dem Möglichkeiten offen, aber nicht bestimmt sind. Befinden wir uns am Beginn einer neuen Epoche – oder am Ende einer vergangenen?
Die raumgreifende Installation evoziert die Atmosphäre einer apokalyptischen Science-Fiction-Erzählung, jedoch ohne narrative Eindeutigkeit. Wirklichkeit und Fiktion, Vergangenheit und Zukunft, Untergang und Möglichkeit existieren nicht als Gegensätze, sondern als überlagerte Ebenen. Allieri zeigt keinen klassischen dystopischen Raum; ihn interessieren keine romantischen Ruinen und keine bekannten Endzeit-Klischees. Im Zentrum steht nicht die Katastrophe selbst, sondern das, was danach bleibt: eine Gegenwart im Stillstand. Formen bestehen fort, doch ihre ursprüngliche Funktion scheint suspendiert. Die Körper fehlen. Bewegung ist angehalten – und dennoch physisch spürbar: Francesco Peccolo entwickelt mit seinem eigens komponierten Sound Design ein tieffrequentes, vibrierendes Dröhnen, unterbrochen von metallischen Resonanzen und fragmentierten Impulsen, die an entfernte Signale oder das Echo einer autonomen Maschine erinnern. Der Sound oszilliert zwischen maschineller Präzision und atmosphärischer Weite. Er erzeugt eine akustische Schwebe, in der sich Zeit dehnt, Orientierung auflöst und Raum als resonierender Möglichkeitskörper erfahrbar wird, der eine ungewisse Erwartung evoziert. Installation, Skulptur, Architektur und Klang verweben sich zu einer dichten, körperlich erfahrbaren Konstellation.
Was sich in diesem Environment manifestiert, lässt sich als Spur eines gebrochenen Versprechens lesen. Die großen Fortschrittsnarrative der Moderne haben ihre bindende Kraft verloren – und mit ihnen die Erinnerung an die Ursprünge jener Zukunftsentwürfe, die einst Orientierung stifteten. So dehnt sich eine Gegenwart aus, der jede klare Richtung fehlt. Zukunft verliert ihre Funktion als Projektionsfläche für Hoffnung oder Handlung; sie bleibt unbestimmt. Für Allieri spiegelt sich diese Konstellation in Marc Augés Begriff des Nicht-Ortes, den er jedoch in eine spekulative Dimension verschiebt. Seine Räume sind präzise verortet und zugleich weder eindeutig zeitlich fixierbar noch narrativ abschließbar. Zeit erscheint nicht zyklisch, sondern linear gedehnt – als Verlängerung des Jetzt ohne klar definierte Herkunft und ohne erkennbares Ziel. In dieser Nicht-Zeit an diesem Nicht-Ort entsteht eine eigentümliche Spannung: Man befindet sich auf einer Schwelle, weder ganz innerhalb noch außerhalb des Geschehens. Genau hier positioniert Allieri seine Arbeit – nicht als Dystopie, sondern als Simulakrum einer möglichen Realität, leicht verschoben und entkoppelt.
Das gesamte Environment entsteht eigens für die Architektur des Kunstraum Dornbirn, welche geprägt ist von der Geschichte der Vorarlberger Metallindustrie. Sie bildet für Allieris Erzählung einen resonanten Rahmen, in dem Vergangenheit als materielle Spur präsent bleibt. Die monumentalen Skulpturen werden aus Fiberglas gefertigt – dem bevorzugten Material des Künstlers. Entscheidend ist dabei nicht nur ihre ästhetische Erscheinung, sondern ihr innerer Zustand. Allieri versteht seine Skulpturen als Hüllen, als Container. Sie sind nicht massiv, sondern hohl. In dieser Leere liegt ihr konzeptuelles Zentrum. Eine massive Skulptur bleibt Objekt; eine leere hingegen enthält Raum. Sie bewahrt Einschluss und Schutz zugleich und trägt Erinnerung ebenso wie Potenzial in sich. Fiberglas ermöglicht extrem dünne und zugleich widerstandsfähige Oberflächen. Die Körper wirken technisch präzise und beinahe geisterhaft – präsent und doch entmaterialisiert. Form bleibt bestehen, während das Innere als unbestimmtes Möglichkeitsfeld erscheint.
Formal bewegen sich die Arbeiten zwischen Maschine, Organismus und architektonischem Fragment. Sie sind anziehend und unheimlich zugleich, schön und bedrohlich, tot und doch voller latenter Energie. Ihre Ästhetik speist sich aus Referenzen an animierte, vom Menschen gesteuerte Roboter ebenso wie aus Fragmenten von Motorrad- und Karosserieteilen der Gegenwart. In räumlichen Collagen entstehen dysfunktionale Gebilde, die wie eigenständige Kreaturen wirken. Sie verweisen auf eine unsichtbare menschliche Existenz – auf ein Subjekt, das abwesend ist und sich erst im Akt der Betrachtung wieder imaginiert.
Indem Allieri den Raum gegen das Tageslicht abschirmt und eine künstliche Licht- und Klangatmosphäre installiert, transformiert er die Halle grundlegend. Vom frühlingshaften Stadtgarten tritt man in eine andere Sphäre ein – möglicherweise in ein Danach, dessen Bedeutung offen bleibt. Die präzisen Koordinaten des Ausstellungstitels verankern dieses Environment exakt in der Realität und entziehen es zugleich jeder zeitlichen Eindeutigkeit. Ob das Portal den Beginn einer neuen Erzählung markiert oder das Echo einer untergegangenen Zivilisation ist, entscheidet sich nicht eindeutig. Die Ausstellung überlässt diese Frage bewusst den Besuchenden – und konfrontiert sie mit der vielleicht grundlegendsten aller: Was bedeutet Zukunft, wenn sie ihre Richtung und die Erinnerung an ihr eigenes Versprechen verloren hat?
Davide Allieri (geboren 1982 in Bergamo, Italien) absolvierte sein Studium an der Accademia di Belle Arti di Brera in Mailand, wo er heute lebt und arbeitet. Seine Werke wurden in zahlreichen Institutionen und Ausstellungsräumen gezeigt, darunter im Kunstmuseum Den Haag („New New Babylon –Visions for Another Tomorrow”, 2025), der Triennale Milano („After All”, Einzelausstellung, 2024), der Galerie Hubert Winter in Wien („CELLS”, Einzelausstellung, 2023), dem PalazzoMonti in Brescia („HOLDER”, Einzelausstellung, 2023), dem House, Berlin („Very friendly”,2023), im DAS Ausstellungsraum in Mailand („BUIA 1:31”, 2019) und in Projekten der Kraupa-Tuskany Zeidler Galerie in Berlin („NEXUS”, 2024). 2024 erhielt er zusammen mit der Galerie Hubert Winter den viennacontemporary | Bildrecht SOLO Award.