Mari Iwamoto greift mit ihren Arbeiten Themen wie Zeit, Existenz, Erinnerung und Politik auf. Ihre Ausgangswerkstoffe sind oft Pflanzen, Samen, Erde oder Bücher. Mit Werkstoffen erzählt sie von ihrer Weltanschauung oder – präziser ausgedrückt – von ihrem Weltengefühl. Iwamotos Oeuvre gliedert sich in eine philosophisch-künstlerische Erzählpraxis mit einem hohen Maß an Feinsinnigkeit und in eine akribisch sensible Arbeit mit der Materialität. All das drückt sich in skulpturalen Werken aus.
Der thematische Ausgangspunkt ihrer Ausstellung ist eine Logik, die unsere Gegenwart prägt: die Umwandlung von Politik in Spektakel.
Konflikt, Aushandlung und Verantwortung werden in Iwamotos Hauptwerk zur konsumierbaren Oberfläche – einem Event, dem eine gewissen Leere inne wohnt. In der Ausstellungslandschaft dominieren drei Playmobil-Figuren die Szenerie. Aufgebläht durch heiße Luft verwendet die Künstlerin Samen – in diesem Fall Maiskörner –, und setzt sie in die Köpfe ihrer Protagonist:innen. Den hohlen Kopf, den die Spielfiguren ursprünglicher Weise haben, füllt Iwamoto mit Popcorn. Bei der Popcornherstellung werden winzige Informationspartikel mittels Hitze aufgebläht. Das Popcorn wird so beeindruckender Inhalt – leicht, voluminös und raumgreifend. Die Körper der Figuren sind behangen mit Müllsäcken, die jeweils mit Maiskörnern befüllt sind. Iwamoto setzt Popkultur nicht als dekorative Referenz ein, sondern als Instrument der Machttechnik. Die starke Aufmerksamkeit von Medien und Öffentlichkeit macht alles schnell zu einer Show. Dabei sind klare Rollen, ein Publikum und eine dramatische Geschichte oft wichtiger als das, worum es eigentlich geht. Diese Arbeit zeigt auf, wie schnell unser Wahrnehmen in vorgefertigte, kindlich glatte Formen rutscht – und wie bequem diese Formen das Kritische dämpfen können.
Iwamoto verhandelt in einem weiteren Werk das Arbeiten und Tun. Sie beschäftigt sich mit einer kontemplativen Tätigkeit, weil sie an nichts denken möchte – denkt dann aber mit dieser Arbeit darüber nach, welche Funktion die Tätigkeit in der Gesellschaft hat. Rund 600 Arbeitsstunden lang investiert sie in einen Würfel aus Paprikasamen. Sie schafft ein schönes Objekt, das Arbeitsenergie fasst und die Kraft des Wachstums.
In der Arbeit mit einem Wörterbuch thematisiert sie Sprache und geht der Frage nach, warum Wörter aufhören zu existieren und in der Vergessenheit verschwinden, als hätten sie nie existiert. Dafür wählt sie die Technik des sensiblen Umwickelns und setzt die Leere als Platzhalter [SL1] ein.
Iwamotos Werke nehmen die Natur, Naturmaterialien oder Materialien aus dem täglichen Leben, als Ausgangspunkt. Sie werden eingebunden in eine Geschichte mit tiefen zugrunde liegenden Erzählungen. Die Werke stellen Fragen nach unserem Sein, einer Gesellschaft, unserem Erinnerungsvermögen und einer Wahrnehmung der Welt.
Immer mal wieder arbeitet die Künstlerin mit Park Sool, Philosoph und Schriftsteller aus München, zusammen. Texte ergänzen ihre Werke und bieten die Möglichkeit in einer andere Erzählform auf die Werke einzugehen.
» Natürlich – Du hast immer noch eine Haut. Doch wessen Haut ist das? Hast Du nicht deine Eigene längst irgendwo liegen lassen und läufst in einer Fremden herum? Denn alles, was für sich existiert, braucht eine Grenze, eine Mauer – eine Haut.« (Park Sool)